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Sonntag, 22. Oktober 2017

Das kleine Laien-Lexikon zum Thema

Kita-Standards in Gefahr!

Für Eltern, Politiker/innen und andere interessierte Menschen

Kindheit heute enthält zuwenig gesellschaftliche Wertschätzung, Zeit mit Eltern, liebevolle Zuwendung durch gute Vorbilder, Balance zwischen Verwöhnung und Vernachlässigung, kindgerechte und niveauvolle Anregungen und Anforderungen, Bewegung, Rüstzeug für das Leben, reale Chancen für später.

Bedürfnisse von Kindern sind überall gleich gestillte Grundbedürfnisse - in Sicherheit sein, gesund, satt, warm, trocken, geliebt, altersgerechte Aufgaben und Erfolgserlebnisse haben -, zuverlässige, vertrauenswürdige erwachsene Bezugspersonen, positiver Orientierungsrahmen, Beteiligung, Spiel, Freude, Lernen

Kind in einer Kindertagesstätte zu sein
bedeutet für Kinder, in einer großen zusammen gewürfelten Gruppe weg von zu Hause
Das kann bedeuten = positives Gruppen-Sozialverhalten zu erlernen, viel Materialerfahrung zu sammeln und intellektuelle Anreize zu bekommen, eine alternative Lebenswirklichkeit zum eigenen Zuhause kennen zu lernen, Freunde finden, Spielen, Lernen, Spaß haben, Rituale leben
Es kann aber auch bedeuten = über viele Stunden im hohen Geräuschpegel und in Unruhesituation zu sein, über viele Stunden ganz persönliche Bedürfnisse kontrollieren oder unterdrücken zu müssen, Sehnsucht nach den Eltern zu haben, manchmal müde zu sein, aber nicht schlafen zu können, manchmal Angst zu haben und keiner bekommt es mit, manchmal traurig zu sein und nicht getröstet zu werden, Talente zu haben, die niemand erkennt, an Gruppenaktivitäten teilnehmen zu müssen, die gerade nicht dem Bedürfnis entsprechen, nicht gesehen zu werden

Kindertageseinrichtungen (Kitas) in Niedersachsen sind
Kindergärten (3-6 J.), Krippen (0-3 J.), Horte (6 -14 J.), Spielkreise (3-6 J.), altersübergreifende Gruppen mit Kleinen und Großen (z.B. 0 bis 14 J.), integrative Kitas (3-6 J.), teilstationäre Kitas für Kindern mit einer Behinderungen (z.B. 3-6, 6-14 J.) oder sonstige Tageseinrichtungen für Kinder und Spielgruppen.

Gesetzliche Mindeststandards sollten der pädagogischen Notwendigkeit Rechnung tragen. Das tun sie aber nicht, sondern sie unterliegen in Deutschland in erster Linie wirtschaftlichen Aspekten (die so genannte "Taschenrechner-Pädagogik"). Würde man den wissenschaftlichen Studien folgen, müsste der bisherige Mindeststandard deutlich angehoben werden.

Räume bilden... aber auch bei
2 qm pro Kind, wobei das Personal und das Mobiliar mit Materialien eingeschlossen ist? Zum Vergleich stelle man sich ein 50m - Büro mit 25 Schreibtischen und Telefonen vor, in dem über viele Stunden gleichzeitig Menschen arbeiten, von denen einige ihren Bewegungsdrang ausleben und andere ein Bedürfnis nach Ruhe haben. Und es telefonieren alle!
(EU-Empfehlung: 75m pro Gruppe+ Schlafraum)

Die Gruppe bildet... aber auch bei
25 Kindern im Alter von 3 bis 6 Jahren auf engstem Raum?
Wissbegierige Vorschulkinder in einer Gruppe geraten nicht selten in territorialen Stress, weil zuwenig Platz zur Entfaltung da ist, bzw. um sich nicht zu stören. 12 bis 15 Babies und Kleinstkinder, die gerade ihre prägendste Phase des Menschseins erleben und angewiesen sind auf direkte Zuwendung durch liebevolle Erwachsene. 20 Schulkinder, die groß sein wollen, es aber noch nicht sind und noch immer viel Zuwendung und Unterstützung bei der Bewältigung ihrer täglichen Probleme brauchen. Die Gefahr von "Massenabfertigung" und vom Übersehen wichtiger Ereignisse und Hinweise ist gegeben.
(EU-Empfehlung: 15 Kinder (3-6 J.), 8 Kinder (1-3 J.))

Fachpersonal bildet... aber auch, wenn
nur 2 Fachkräfte für 25 Kinder (3-6 J.) oder 15 Kinder (0-3 J.) zuständig sind? Bei Krankheit, Urlaub, Fortbildung nicht selten nur eine Kraft? Erzieherinnen haben die Aufgabe, alle Kinder gleichermaßen im Blick zu haben, ihre Entwicklung zu begleiten, sie zu trösten, wahrzunehmen, sie zu erkennen, zu fördern, mit ihnen zu spielen, sie zu versorgen, sich ihnen persönlich zuzuwenden, sich mit den Eltern auszutauschen, ansprechende Angebote durchzuführen, Konflikte zu regeln, Eingewöhnungszeiten zu gestalten, Ausflüge und Feste zu veranstalten, das Selbstwertgefühl zu stärken Aber manchmal fragen sie sich gegenseitig am Ende des Kita-Tages: "Sag mal, war Mäxchen heute eigentlich da?"
(EU-Empfehlung: Personalschlüssel 1:3 (1-3 J.); 1:6 (3-6 J.))

Angebote und Projekte bilden... aber auch, wenn nur 3,75 Std. die Woche je Mitarbeiterin für Verfügungs- oder Vorbereitungszeit gewährt werden, egal über welchem Zeitraum die Kinder betreut werden?
7,5 Stunden pro Woche pro Kindergruppe sollen reichen für die Vor- und Nachbereitung von pädagogischen Angeboten, Festen, Ausflügen, Ferienfahrten, Durchführung von Elterngesprächen, Entwicklungsdokumentationen, Konzeptionserstellungen, Fortbildung, Dienstbesprechungen, Arbeitskreisen, Vernetzung mit anderen Institutionen wie z.B. Schule, Öffentlichkeitsarbeit, Therapieeinrichtungen, gezielte Förderangebote wie z.B. Sprachförderung, Integration ausländischer Kinder mit bis zu 16 Nationalitäten in einer Gruppe
(EU-Empfehlung: 20% der Wochenarbeitszeit = ca. 16 Std. je Ganztagsgruppe bei 40 Std. Wochenöffnungszeit)

Gute Leitung und gutes Management fördert die Bildungsqualität... aber auch, wenn nur 5 Stunden/Woche pro Gruppe fr die gesamte Organisation des Betriebes KITA zur Verfügung stehen? Darin sind alle Verwaltungsaufgaben enthalten sowie Mitarbeiterführung, Öffentlichkeitsarbeit, Trägerkontakte, besondere Konfliktfälle Qualitätssicherung, Vernetzung, Entwicklungsgespräche, Förderprogramme, Konzeptarbeit, Ausbildung

Pädagogische Fachberatung kann die Qualität der Kitas steigern und sichern... aber auch, wenn auf eine Fachberatungsstelle bis zu 150 Kindertagesstätten kommen (oder gar nicht vorhanden ist)?
Fachberatung bedeutet individuelle Beratungsarbeit für jede Kindertagesstätte unter Einbeziehung der aktuellen Gegebenheiten vor Ort und neuen wissenschaftlichen Ergebnissen der Entwicklungspsychologie.

Qualität in Kitas stellt die Interessen, Bedürfnisse und Sichtweisen der Kinder und ihrer Familien ins Zentrum... aber auch, wenn Fiskus und Wirtschaft den Rahmen bestimmen?
Wenn Mitarbeiterinnen Angst um ihre Arbeitsplätze haben und deshalb keine Qualitätsstandards fordern? Wenn wegen Personalmangel keine Fortbildungen mehr besucht werden? Wenn Fachberatung schweigt, weil der Träger Druck macht? Wenn alles eben irgendwie zu funktionieren hat, obwohl ständig neue Aufgaben (Sprachförderung, Integration, Kooperation KiTa/GS, Aufnahme 2jähriger) hinzukommen?

Gute Politik sichert die strukturellen Rahmenbedingungen für die Arbeit der Kindertagesstätten auf Landesebene und gibt inhaltliche Orientierungshilfe für die pädagogische Arbeit... aber auch, wenn geltende Gesetzgebung jährlich aufs neue in Frage gestellt wird?
1999: Aufhebung der Mindeststandards im Kindertagesstättengesetz und Wiedererlangung 2002 durch ein erfolgreiches Volksbegehren
2003: geplante Freigabe der Mindeststandards im Rahmen der Überführung der Finanzhilfe und Verhinderung dessen durch Massenproteste im Land
Ende 2004: erneute Überlegungen des Innenministeriums, die Standards freizugeben
2005: geplante Aufhebung der Raumstandards für 3 Jahre in Modellstandorten vorbereitend zur flächendeckenden Einführung in Niedersachsen. Protestaktionen laufen seit Juni 2005.
2006: Einführung des Modellkomunengesetzes (ModKG) mit Freigabe der Raumstandards in Osnabrück, Oldenburg, Cuxhaven, Emsland und Lüneburg.

Das Bündnis für Kinder und Familien in Nds. e.V. behält die Kita-Politik im Auge und setzt sich für den Erhalt der Mindeststandards ein ...das geht aber nur, wenn viele das Bündnis unterstützen.
Das Bündnis ist ein solidarischer Zusammenschluss von Menschen und Organisationen aus dem Bereich sozialpädagogischer Einrichtungen für Kinder und Jugendliche. Es ist aus dem Aktionsbündnis Kita-Volksbegehren entstanden und 2000 in einen gemeinnützigen Verein übergegangen.

Helfen Sie mit!

info(at)buendnis-fuer-kinder-nds(dot)de
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