|
Das kleine Laien-Lexikon zum Thema
Kita-Standards in Gefahr!
Für Eltern, Politiker/innen und andere interessierte Menschen
Kindheit heute enthält zuwenig gesellschaftliche Wertschätzung,
Zeit mit Eltern, liebevolle Zuwendung durch gute Vorbilder,
Balance zwischen Verwöhnung und Vernachlässigung, kindgerechte und niveauvolle
Anregungen und Anforderungen, Bewegung, Rüstzeug für das Leben, reale Chancen für später.
Bedürfnisse von Kindern sind überall gleich
gestillte Grundbedürfnisse - in Sicherheit sein, gesund, satt, warm, trocken,
geliebt, altersgerechte Aufgaben und Erfolgserlebnisse haben -, zuverlässige,
vertrauenswürdige erwachsene Bezugspersonen, positiver Orientierungsrahmen,
Beteiligung, Spiel, Freude, Lernen
Kind in einer Kindertagesstätte zu sein
bedeutet für Kinder, in einer großen zusammen gewürfelten Gruppe weg von zu Hause
Das kann bedeuten = positives Gruppen-Sozialverhalten zu erlernen, viel Materialerfahrung
zu sammeln und intellektuelle Anreize zu bekommen, eine alternative Lebenswirklichkeit zum
eigenen Zuhause kennen zu lernen, Freunde finden, Spielen, Lernen, Spaß haben, Rituale
leben
Es kann aber auch bedeuten = über viele Stunden im hohen Geräuschpegel und in
Unruhesituation zu sein, über viele Stunden ganz persönliche Bedürfnisse
kontrollieren oder unterdrücken zu müssen, Sehnsucht nach den Eltern zu haben,
manchmal müde zu sein, aber nicht schlafen zu können, manchmal Angst zu haben
und keiner bekommt es mit, manchmal traurig zu sein und nicht getröstet zu werden,
Talente zu haben, die niemand erkennt, an Gruppenaktivitäten teilnehmen zu müssen,
die gerade nicht dem Bedürfnis entsprechen, nicht gesehen zu werden
Kindertageseinrichtungen (Kitas) in Niedersachsen sind
Kindergärten (3-6 J.), Krippen (0-3 J.), Horte (6 -14 J.), Spielkreise (3-6 J.),
altersübergreifende Gruppen mit Kleinen und Großen (z.B. 0 bis 14 J.),
integrative Kitas (3-6 J.), teilstationäre Kitas für Kindern mit einer Behinderungen (z.B. 3-6, 6-14 J.) oder sonstige Tageseinrichtungen für Kinder und Spielgruppen.
Gesetzliche Mindeststandards
sollten der pädagogischen Notwendigkeit Rechnung tragen. Das tun sie aber nicht,
sondern sie unterliegen in Deutschland in erster Linie wirtschaftlichen Aspekten
(die so genannte "Taschenrechner-Pädagogik"). Würde man den wissenschaftlichen
Studien folgen, müsste der bisherige Mindeststandard deutlich angehoben werden.
Räume bilden... aber auch bei
2 qm pro Kind, wobei das Personal und das Mobiliar mit Materialien eingeschlossen ist?
Zum Vergleich stelle man sich ein 50m - Büro mit 25 Schreibtischen und Telefonen vor,
in dem über viele Stunden gleichzeitig Menschen arbeiten, von denen einige ihren
Bewegungsdrang ausleben und andere ein Bedürfnis nach Ruhe haben.
Und es telefonieren alle!
(EU-Empfehlung: 75m pro Gruppe+ Schlafraum)
Die Gruppe bildet... aber auch bei
25 Kindern im Alter von 3 bis 6 Jahren auf engstem Raum?
Wissbegierige Vorschulkinder in einer Gruppe geraten nicht selten in territorialen Stress,
weil zuwenig Platz zur Entfaltung da ist, bzw. um sich nicht zu stören. 12 bis 15 Babies
und Kleinstkinder, die gerade ihre prägendste Phase des Menschseins erleben und
angewiesen sind auf direkte Zuwendung durch liebevolle Erwachsene. 20 Schulkinder, die groß
sein wollen, es aber noch nicht sind und noch immer viel Zuwendung und Unterstützung
bei der Bewältigung ihrer täglichen Probleme brauchen.
Die Gefahr von "Massenabfertigung" und vom Übersehen wichtiger Ereignisse und Hinweise
ist gegeben.
(EU-Empfehlung: 15 Kinder (3-6 J.), 8 Kinder (1-3 J.))
Fachpersonal bildet... aber auch, wenn
nur 2 Fachkräfte für 25 Kinder (3-6 J.) oder 15 Kinder (0-3 J.) zuständig sind?
Bei Krankheit, Urlaub, Fortbildung nicht selten nur eine Kraft? Erzieherinnen haben die
Aufgabe, alle Kinder gleichermaßen im Blick zu haben, ihre Entwicklung zu begleiten,
sie zu trösten, wahrzunehmen, sie zu erkennen, zu fördern, mit ihnen zu spielen,
sie zu versorgen, sich ihnen persönlich zuzuwenden, sich mit den Eltern auszutauschen,
ansprechende Angebote durchzuführen, Konflikte zu regeln, Eingewöhnungszeiten zu
gestalten, Ausflüge und Feste zu veranstalten, das Selbstwertgefühl zu stärken
Aber manchmal fragen sie sich gegenseitig am Ende des Kita-Tages: "Sag mal, war Mäxchen heute eigentlich da?"
(EU-Empfehlung: Personalschlüssel 1:3 (1-3 J.); 1:6 (3-6 J.))
Angebote und Projekte bilden... aber auch, wenn nur 3,75 Std. die Woche je Mitarbeiterin für Verfügungs- oder Vorbereitungszeit gewährt werden, egal über welchem Zeitraum die Kinder betreut werden?
7,5 Stunden pro Woche pro Kindergruppe sollen reichen für die Vor- und Nachbereitung
von pädagogischen Angeboten, Festen, Ausflügen, Ferienfahrten, Durchführung
von Elterngesprächen, Entwicklungsdokumentationen, Konzeptionserstellungen,
Fortbildung, Dienstbesprechungen, Arbeitskreisen, Vernetzung mit anderen Institutionen
wie z.B. Schule, Öffentlichkeitsarbeit, Therapieeinrichtungen, gezielte
Förderangebote wie z.B. Sprachförderung, Integration ausländischer Kinder
mit bis zu 16 Nationalitäten in einer Gruppe
(EU-Empfehlung: 20% der Wochenarbeitszeit = ca. 16 Std. je Ganztagsgruppe bei 40 Std. Wochenöffnungszeit)
Gute Leitung und gutes Management fördert die Bildungsqualität... aber auch, wenn nur 5 Stunden/Woche pro Gruppe fr die gesamte Organisation des Betriebes KITA zur
Verfügung stehen? Darin sind alle Verwaltungsaufgaben enthalten sowie
Mitarbeiterführung, Öffentlichkeitsarbeit, Trägerkontakte, besondere Konfliktfälle
Qualitätssicherung, Vernetzung, Entwicklungsgespräche, Förderprogramme,
Konzeptarbeit, Ausbildung
Pädagogische Fachberatung kann die Qualität der Kitas steigern und sichern...
aber auch, wenn auf eine Fachberatungsstelle bis zu 150 Kindertagesstätten kommen
(oder gar nicht vorhanden ist)?
Fachberatung bedeutet individuelle Beratungsarbeit für jede Kindertagesstätte
unter Einbeziehung der aktuellen Gegebenheiten vor Ort und neuen wissenschaftlichen
Ergebnissen der Entwicklungspsychologie.
Qualität in Kitas stellt die Interessen, Bedürfnisse und Sichtweisen der
Kinder und ihrer Familien ins Zentrum... aber auch, wenn Fiskus und Wirtschaft den Rahmen
bestimmen?
Wenn Mitarbeiterinnen Angst um ihre Arbeitsplätze haben und deshalb keine
Qualitätsstandards fordern? Wenn wegen Personalmangel keine Fortbildungen mehr besucht
werden? Wenn Fachberatung schweigt, weil der Träger Druck macht? Wenn alles eben
irgendwie zu funktionieren hat, obwohl ständig neue Aufgaben (Sprachförderung,
Integration, Kooperation KiTa/GS, Aufnahme 2jähriger) hinzukommen?
Gute Politik sichert die strukturellen Rahmenbedingungen für die Arbeit der
Kindertagesstätten auf Landesebene und gibt inhaltliche Orientierungshilfe für
die pädagogische Arbeit... aber auch, wenn geltende Gesetzgebung jährlich aufs neue
in Frage gestellt wird?
1999: Aufhebung der Mindeststandards im Kindertagesstättengesetz und Wiedererlangung
2002 durch ein erfolgreiches Volksbegehren
2003: geplante Freigabe der Mindeststandards im Rahmen der Überführung der
Finanzhilfe und Verhinderung dessen durch Massenproteste im Land
Ende 2004: erneute Überlegungen des Innenministeriums, die Standards freizugeben
2005: geplante Aufhebung der Raumstandards für 3 Jahre in Modellstandorten vorbereitend zur
flächendeckenden Einführung in Niedersachsen. Protestaktionen laufen seit
Juni 2005.
2006: Einführung des Modellkomunengesetzes (ModKG) mit Freigabe der Raumstandards in Osnabrück, Oldenburg, Cuxhaven, Emsland und Lüneburg.
Das Bündnis für Kinder und Familien in Nds. e.V. behält die Kita-Politik
im Auge und setzt sich für den Erhalt der Mindeststandards ein ...das geht aber nur,
wenn viele das Bündnis unterstützen.
Das Bündnis ist ein solidarischer Zusammenschluss von Menschen und Organisationen aus
dem Bereich sozialpädagogischer Einrichtungen für Kinder und Jugendliche.
Es ist aus dem Aktionsbündnis Kita-Volksbegehren entstanden und 2000 in einen
gemeinnützigen Verein übergegangen.
Sie können diesen Text auch in Form eines Flyers herunterladen - klick hier
|